Filmbesprechungen

The Stendhal Syndrome

Inhalt

Die Polizei von Italien fandet nach einem Serienvergewaltiger, der seine neuesten Opfer mittlerweile auch umgebracht hat. Eine junge Beamtin erhält einen Hinweis und reist daraufhin von Rome nach Florenz, um letztlich dem Täter persönlich in die Augen zu schauen…

Fazit

Mit der aktuellen Veröffentlichung von The Stendhal Syndrome konnte ich endlich eine langjährige Wissenslücke schließen. Der Film war mir tatsächlich schon seit vielen Jahren ein Begriff, doch bisher scheiterte es immer daran, eine wirklich vernünftige Edition aufzutreiben. Umso erfreulicher, dass das Werk inzwischen sogar in 4K erhältlich ist und selbstverständlich ungeschnitten gesichtet werden konnte. Gerade bei einem Film wie diesem, der stark von Atmosphäre, Bildsprache und verstörenden Momenten lebt, macht eine hochwertige Veröffentlichung schließlich einen enormen Unterschied.

Die Handlung lässt sich zwar grob mit wenigen Sätzen zusammenfassen, doch tatsächlich steckt deutlich mehr hinter dem Film, als es die einfache Ausgangssituation zunächst vermuten lässt. Dario Argento präsentiert hier keinen gewöhnlichen Thriller, sondern ein äußerst unangenehmes und zugleich faszinierendes Psychospiel, das den Zuschauer immer wieder bewusst verunsichert. Bereits das verstörende Intro wirft zahlreiche Fragen auf und sorgt dafür, dass man sich nie vollkommen sicher fühlt, worauf die Geschichte eigentlich hinauswill. Erst nach und nach setzt sich das Gesamtbild zusammen, wobei einige Elemente bis zum Schluss bewusst rätselhaft bleiben.

Besonders interessant ist dabei die Art und Weise, wie Argento Realität und Wahnsinn miteinander verschwimmen lässt. Immer wieder entstehen Situationen, in denen man selbst nicht mehr genau weiß, ob das Gezeigte tatsächlich passiert oder lediglich Ausdruck des psychischen Zustands der Hauptfigur ist. Genau dadurch entwickelt der Film eine unangenehme, beinahe hypnotische Wirkung, die sich konstant durch die gesamte Laufzeit zieht.

Asia Argento trägt dabei einen enormen Teil zum Gelingen des Films bei. Ihre Darstellung wirkt glaubwürdig, intensiv und emotional nachvollziehbar. Gerade weil ihre Figur im Verlauf des Films zunehmend psychisch belastet wird, war es wichtig, jemanden zu besetzen, der diese Zerbrechlichkeit überzeugend transportieren kann – und genau das gelingt ihr hervorragend. Man leidet regelrecht mit ihr mit und spürt die zunehmende Verzweiflung in nahezu jeder Szene.

Ebenso stark präsentiert sich Thomas Kretschmann als Gegenspieler. Seine Darstellung des Täters wirkt gleichzeitig charismatisch, bedrohlich und unangenehm ruhig, wodurch viele Szenen eine zusätzliche Beklemmung erhalten. Besonders beeindruckend ist dabei, wie selbstverständlich er diese Rolle trotz seines damals noch recht jungen Alters ausfüllt. Er dominiert jede seiner Szenen und sorgt dafür, dass man als Zuschauer ständig ein Gefühl der Unsicherheit verspürt.

Großen Anteil an der Wirkung des Films haben zudem die audiovisuelle Gestaltung und Argentos unverwechselbare Inszenierung. Die Kamerafahrten über Gemälde und Kunstwerke erzeugen eine beinahe traumartige Atmosphäre und unterstützen das zentrale Thema des sogenannten Stendhal-Syndroms hervorragend. Dazu kommen immer wieder surreale Übergänge, ungewöhnliche Perspektiven und bewusst irritierende Bildkompositionen, die dem Film einen ganz eigenen Stil verleihen.

Interessant ist außerdem, dass The Stendhal Syndrome als erster italienischer Film gilt, der CGI-Effekte eingesetzt hat. Auch wenn diese Effekte aus heutiger Sicht natürlich etwas angestaubt wirken, wurden sie dennoch sinnvoll integriert und tragen zur surrealen Gesamtwirkung bei, anstatt wie ein reiner Selbstzweck zu erscheinen.

Auch der Soundtrack verdient eine gesonderte Erwähnung. Die Musik ist stellenweise bewusst aufdringlich und fast schon penetrant eingesetzt, verstärkt dadurch jedoch die unangenehme Grundstimmung des Films enorm. Zusammen mit der düsteren Inszenierung fühlt man sich immer wieder angenehm an das italienische Genrekino der 70er erinnert – eine Zeit, in der besonders der Giallo-Film seine große Blütephase erlebte.

Natürlich ist The Stendhal Syndrome kein Film für jedermann. Einige Szenen sind durchaus hart, verstörend und psychisch belastend inszeniert, weshalb der Film definitiv die richtige Stimmung und ein gewisses Interesse an ungewöhnlichen Thrillern voraussetzt. Wer sich allerdings auf diese Mischung aus Psychothriller, Horror und Kunstfilm einlassen kann, bekommt hier eine außergewöhnliche und atmosphärisch dichte Erfahrung geboten.

Am Ende bleibt ein ungewöhnlicher, teils schwer greifbarer, aber gerade deshalb faszinierender Film zurück, der nicht nur durch seine interessante Geschichte überzeugt, sondern vor allem durch seine intensive Atmosphäre und zwei großartige Hauptdarsteller nachhaltig in Erinnerung bleibt.

8/10

Dieses Rezensionsexemplar wurde freundlicherweise von PLAION PICTURES zur Verfügung gestellt.
Vielen Dank!

Weitere Informationen zu diesen und weiteren Filmen findet Ihr auf der Webseite des Labels: https://plaionpictures.com

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